“Hau ab, wenn es brenzlig wird!”

erschienen in: journalist 3/2015

Nach dem Sturz des ägyptischen Diktators Husni Mubarak hat die  Journalistin Lina Attalah zusammen mit Kollegen die englisch-arabische Nachrichten-Website Mada Masr gegründet. Heute ist sie dort  Chefredakteurin. Trotz immer stärker werdender Pressezensur im Land will sie mit ihrem Team unabhängig berichten. Kann das funktionieren?

Interview von Catalina Schröder

journalist: Frau Attalah, offiziell gibt es in Ägypten keine Pressezensur.  Reporter werden aber immer wieder willkürlich festgenommen und müssen mit Polizeigewalt rechnen. Wie können Sie unter diesen Bedingungen unabhängig berichten?
Lina Attalah: Es stimmt, dass es in Ägypten viele Einschränkungen für Journalisten gibt. Seit dem Sturz von Husni Mubarak ist es sogar noch schwieriger geworden, hier zu arbeiten. Aber wissen Sie, wozu diese Einschränkungen in erster Linie führen? Zur Selbstzensur. Es gibt Journalisten, die so viel Angst vor der Regierung haben, dass sie freiwillig auf heikle Aspekte ihrer Geschichten verzichten. Einige Kollegen scheinen regelrecht unter Gedächtnisschwund zu leiden, wenn es beispielsweise um die Vergangenheit von einzelnen Politikern geht. Das ist ziemlich praktisch für die Regierung. Um diese Leute muss sie sich gar nicht mehr kümmern.
Wie sieht es mit der Selbstzensur in Ihrer Redaktion aus?
Es ist eine Gratwanderung – auch für uns. Bei Mada Masr versuchen wir trotzdem, alles zu schreiben, was uns wichtig erscheint. Wir berichten zum Beispiel über Gerichtsprozesse gegen politische Aktivisten – das trauen sich viele andere Medien nicht. In unseren Konferenzen diskutieren wir aber jeden Tag darüber, wie wir Geschichten bringen können, ohne damit ernsthafte Probleme zu bekommen. Wir versuchen, so weit wie möglich zu gehen – unter den Bedingungen, die wir leider nicht so schnell ändern können. Für Journalisten in einer Demokratie mag sich das komisch anhören, aber für uns geht es bei jedem Text auch um die Frage: Können wir in Zukunft noch berichten, wenn wir diese Geschichte jetzt bringen? Bisher funktioniert das.
Sie selbst hatten bereits Probleme mit der Regierung: Bei einer Demonstration gegen den damaligen Staatschef Mohammed Mursi haben Polizisten Sie geschlagen und an den Haaren über den Tahrir-Platz gezerrt. Wie halten Sie solche Einschüchterungen aus?
Ich glaube, wir schaffen es damit umzugehen, weil wir diese Arbeit für uns und für Ägypten machen. Die Website ist unsere Art, für ein offenes und demokratisches Land zu kämpfen. Ein Land, in dem wir irgendwann wieder ohne Angst leben wollen. Offensichtlich sind solche Vorfälle ein Teil des Preises, den wir dafür zahlen müssen. Ich kann gut verstehen, wenn Kollegen nicht dazu bereit sind, schließlich geht es hier um die eigene Sicherheit. Aber für mich ist Mada Masr der einzige Grund, in Ägypten zu bleiben – und dann muss ich damit rechnen, dass mir so etwas passiert.
Gibt es redaktionsinterne Sicherheitsregeln?
Ich sage unseren Reportern immer: Hau ab, wenn es brenzlig wird. Das ist keine Garantie, dass nichts passiert, aber die Leute können Situationen meist ganz gut einschätzen. Wir kooperieren auch mit anderen unabhängigen Medien im Land und versuchen, uns gegenseitig per Handy zu warnen, wenn es zum Beispiel bei einer Demonstration gefährlich wird.
Als Chefredakteurin von Mada Masr berichten Sie über die Politik im Land, gehen aber selbst als Privatperson immer wieder auf  Demonstrationen gegen die Regierung. Wo ist für Sie die Grenze zwischen Journalismus und Aktivismus?
Ihre Frage ist schon falsch formuliert, das ist ja kein Gegensatz. Aktivist zu sein ist eine Lebenseinstellung, Journalist ein Beruf. Sie können doch auch Bäcker und Aktivist oder Lehrer und Aktivist sein. Das Problem ist nicht, dass irgendwelche Grenzen überschritten werden, sondern dass die Politik in Ägypten momentan nicht die Offenheit zulässt, die es braucht, um Aktivist zu sein.
Wie kommt es, dass Sie politisch so interessiert sind? Wer und was hat Sie geprägt?
Ich glaube, es liegt daran, dass ich weiß, dass man unter anderen Bedingungen leben kann, als wir es in Ägypten gerade tun. Als ich ein Teenager war, hat meine Mutter als Übersetzerin fürs staatliche Radio gearbeitet, mein Vater war bei der Polizei. Sie waren also nicht gerade rebellisch. Mit 14 habe ich mich für das United World College in Italien beworben, eine internationale Schule mit Jugendlichen aus der ganzen Welt. Später bin ich auf die amerikanische Universität in Kario gegangen. In dieser Zeit wurden die Proteste gegen das Mubarak-Regime immer stärker, und wir haben viel darüber diskutiert. Meine Zeit im Ausland, die verschiedenen Menschen aus so unterschiedlichen Ländern und die Diskussionen an der Uni – all das hat mich sehr beeinflusst.
Sie praktizieren ein Geschäfts- und Führungsmodell, das für Ägypten unüblich ist: Mada Masr gehört allen 24 Gründern. Entscheiden Sie auch alles gemeinsam?
Nein, dass das nicht funktioniert, haben wir relativ schnell gemerkt. Wir sind heute insgesamt 28 Leute und 24 davon haben Mada Masr mitgegründet. Gemeinsam entscheiden wir nur noch, wenn es um die langfristige  strategische Ausrichtung geht. Alltagsentscheidungen dürfen die Ressortleiter oder unsere Kollegen aus dem Vertrieb alleine oder in Absprache mit mir treffen.
Wie finanzieren Sie Ihr Nachrichtenportal?
Wir haben Mada Masr im Juni 2013 gegründet und damals Geld aus dem Ausland bekommen, unter anderem von der deutschen Rosa-Luxemburg-Stiftung und dem dänischen International Media Support. Als  Nebengeschäft bieten wir Übersetzungen an. In erster Linie wollen wir aber das Anzeigengeschäft auf unserer Website ausbauen und langfristig davon leben. Das ist ziemlich schwierig. Anfang vergangenen Jahres waren wir schon einmal so gut wie pleite. Wenn es gar nicht anders geht, versuche ich, erst mal selbst Geld vorzustrecken. Ich habe zum Beispiel die Möbel für unser Büro bezahlt, und einmal habe ich mein Auto verkauft, damit wir schnell an Geld kommen. Momentan reicht es. Aber wir wollen mehr Leute einstellen, um noch mehr Hintergrundgeschichten machen zu können – und das ist natürlich nicht umsonst.
Sie haben rund 350.000 Unique Visits im Monat. Wer sind Ihre Leser?
Die meisten kommen aus Ägypten, aber da wir eine arabische und eine englische Version unserer Website anbieten, haben wir auch Leser in den USA, Großbritannien, Kanada und anderen englischsprachigen Ländern. Es ist schwer, das ganz genau herauszufinden. Wir gehen davon aus,  dass unsere Leser zur gut ausgebildeten Bevölkerung gehören: Sie glauben nicht einfach alles, was man ihnen erzählt.
Angenommen, wir wären schon im Jahr 2020 – wie wäre Mada Masr dann aufgestellt?
Ich würde sagen: In fünf Jahren sind wir das Standardmedium für einen Großteil der ägyptischen Bevölkerung. Wir dürfen uns nichts vormachen: Auch wenn wir heute schon eine Menge Leute erreichen, sind wir noch ein sehr kleines Pflänzchen. Und wir wollen uns natürlich selbst finanzieren,
ohne von Spenden abhängig zu sein.
Und wo steht Ägypten in fünf Jahren?
Ich habe keine Ahnung. Und es ist schwer, eine Prognose abzugeben. Momentan ist die Situation so dynamisch, dass alles Mögliche passieren kann. Ob das am Ende dazu führt, dass die Leute wieder freier leben und wir Journalisten ohne Angst vor Repressalien arbeiten können, ist schwer zu sagen. Das Einzige, was für mich momentan sicher scheint, ist, dass es in naher Zukunft keine stabile politische Situation in Ägypten geben wird.

Wer ist Lina Attalah?
Lina Attalah, 32, hat Journalismus und Politikwissenschaft an der American University in Kairo studiert. Während des Studiums berichtete sie als Praktikantin bei der Cairo Times vor allem über Demonstrationen gegen das Mubarak-Regime. Danach arbeitete sie unter anderem zwei Jahre für die BBC in Darfur und als verantwortliche Redakteurin für Al-Masry Al-
Youm, eine Tageszeitung, die arabische und online auch englische Texte veröffentlicht, bevor sie ebenfalls als verantwortliche Redakteurin zur englischen Zeitung Egypt Independent wechselte. Nachdem Verlag und Redaktion sich überworfen hatten, weil die Redaktion sich nicht an die in anderen Medien vorherrschende Selbstzensur anpassen wollte, wurde die Zeitung eingestellt. Attalah gründete daraufhin mit 23 Mistreitern Mada Masr. Am 30. Juni 2013 ging die Website online.