„Unser Mandant möchte diese Version nicht veröffentlicht wissen“

Ex-Handelsblatt-Chef Gabor Steingart gilt als furchtlos und meinungsstark. In Berlin baut der 57-Jährige gerade ein Medienunternehmen auf, dessen Anspruch er selbst mit „100 Prozent Journalismus. Keine Märchen“ beschreibt. journalist-Autorin Catalina Schröder hat sich Anfang September mit Steingart zu einem rund einstündigen Interview getroffen, in dem es um sein Ausscheiden beim Holtzbrinck-Verlag, seine Pläne mit dem Medienschiff und seine Haltung als Journalist ging. Dann kam es zur vereinbarten Autorisierung – und dabei zeigte sich der Medienpionier von einer anderen Seite. Erst versuchte Gabor Steingart, seine Antworten umzuschreiben und in die Fragen der Autorin einzugreifen. Später ließ er über seinen Anwalt Christian Schertz mitteilen, dass er seine Aussagen komplett zurückzieht. Wir dokumentieren das Interview hier trotzdem und haben Steingarts Antworten weggelassen. Denn auch so kann man viel über Gabor Steingart und seine journalistische Haltung erfahren.

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https://www.journalist-magazin.de/news/kein-interview-mit-gabor-steingart

Die Chancen stehen gut

Die Zahl der Bewerber an Journalistenschulen und auf Volontariate sinkt. Manche Experten fürchten bereits einen Fachkräftemangel. Für Nachwuchsjournalisten, die sich in die Branche trauen, sind die Einstiegsmöglichkeiten so gut wie seit Jahren nicht mehr.

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Wie mit den Honoraren von freien Autoren umgegangen wird

Die Honorare sinken in vielen Redaktionen seit Jahren. Gleichzeitig beklagen viele freie Journalisten, dass so manche Redaktion erst spät oder nach mehrfacher Aufforderung zahlt. Für Freie kann das existenzgefährdend werden. Aber es gibt auch Journalisten, die ihr Geschäftsmodell breiter aufgestellt haben, um Krisen besser abzufedern. In ihrer Haltung sind sie oft besonders klar. Ihr Credo lautet: „Wir verschenken keinen Inhalt.“

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„Wie der Wechsel von analog zu digital“

Das Thema E-Mobilität interessiert immer mehr Menschen. Das journalistische Angebot in diesem Themenfeld hält der steigenden Nachfrage des Publikums noch nicht stand. Einige interessante Projekte entstehen allerdings gerade. Ein journalistisches Wachstumsfeld

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Wie Journalisten zweiter Klasse

Redaktionen verändern häufig die Texte, die ihnen von Autoren geliefert werden. Manchmal sind es kleine Änderungen, manchmal werden starke Eingriffe vorgenommen. Nicht selten fühlen sich freie Journalisten in diesem Redigierprozess nicht auf Augenhöhe mit dem Redakteur oder der Redakteurin.

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Wie ein trotziges Kind

erschienen in: journalist 4/2015

Vor einem Jahr berichtete die Harke als erste Redaktion über den Fall Sebastian Edathy. Ein riesiger Scoop für eine kleine Lokalzeitung. Inzwischen ist es wieder ruhig geworden um die Harke. Doch was macht so ein Scoop mit einer Lokalredaktion? Und wie steht man dort inzwischen zur Kritik, die rund um die Veröffentlichung laut wurde? Der journalist hat sich auf Spurensuche nach Nienburg an der Weser aufgemacht.

von Catalina Schröder (Text) und Jakob von Siebenthal (Fotos)

Lokalredaktionen findet man häufig in der Fußgängerzone. Weil es von dort nur ein Katzensprung bis ins Rathaus ist, weil die Redakteure zu Fuß zu Stadtfesten, Partei- und Sportveranstaltungen gehen können. Weil sie nah dran sind, an dem, was die Leute in der Stadt beschäftigt.
In Nienburg an der Weser sucht man die Lokalredaktion in der  Fußgängerzone vergeblich. Die Harke – Lokalzeitung der Stadt seit 1871, tägliche verkaufte Auflage rund 18.000 Stück – liegt am Stadtrand. Etwa zehn Autominuten vom Zentrum entfernt, am Rand eines Gewerbegebiets.
Gleich neben dem Verlagshaus kann man Sessel und Sofas bei Polster Mohr kaufen. Gegenüber gibt es Tierfutter, Gartenmöbel und Schreibblöcke im Sonderpostenmarkt Jawoll. Schräg hinter dem Gebäude verkaufen Opel und Kia Autos. Auf dem Parkplatz vor dem Verlagsgebäude steht die verwitterte Bronzestatue eines Zeitungslesers.
Nach acht Betonstufen und zwei doppelflügeligen automatischen Schiebetüren steht man im Foyer des Hauses. Drinnen gibt es eine Druckmaschine, die aus den Anfangsjahren der Zeitung stammen dürfte, und ein schwarzes Sofa in Lederoptik. Das Haus selbst wurde vermutlich in den 50ern oder 60ern gebaut. Bis hoch in den vierten Stock zieren Lamellenvorhänge die getönten, bodentiefen Fenster.
Vor gut einem Jahr wurde die Affäre um Sebastian Edathy von diesem Haus aus öffentlich gemacht. Als erste Redaktion berichtete die Harke damals, dass Polizei und Staatsanwaltschaft Wohnung und Büro des SPD-Bundestagsabgeordneten in Rehburg und Nienburg durchsucht hatten. Der Anlass: Verdacht auf Besitz kinderpornografischen Materials.
Der Mann, der die Affäre in die Welt trug und damit ein politisches Erdbeben anstieß, heißt Stefan Reckleben. Er ist seit vielen Jahren Lokalredakteur bei der Harke.

Was folgte: Der damalige Bundesinnenminister Hans- Peter Friedrich trat zurück. Er wurde des Verrats von Dienstgeheimnissen beschuldigt, weil er SPD-Parteichef Sigmar Gabriel so frühzeitig über die Ermittlungen gegen Edathy informiert haben soll, dass er die Ermittler damit behindert habe. Der Bundestag richtete einen Untersuchungsausschuss ein, vor dem sich unter anderem der ehemalige Präsident des Bundeskriminalamts, Jörg Ziercke, verantworten musste. Er wurde beschuldigt, Informationen über
laufende Ermittlungen weitergegeben zu haben.

Die Reporter standen Schlange
Den Anstoß gegeben für all diese Entwicklungen hat die kleine Lokalzeitung die Harke – in Person des Redakteurs Stefan Reckleben. Durch einen Tipp aus der Bevölkerung habe er von der Durchsuchung der Behörden in  Edathys Wohnung erfahren, erzählte Reckleben später verschiedenen
Journalisten. Mit dem Auto sei er deshalb nach Rehburg gefahren und habe die Fahnder schon durch die Fenster der Wohnung sehen können.
Nachdem Reckleben den Aufschlag gemacht hatte, berichteten am  darauffolgenden Tag alle großen deutschen Medien über den Fall. Sebastian Edathy tauchte in Dänemark unter und musste sich einem Prozess stellen, der vor wenigen Wochen zu Ende ging. Sein  Bundestagsmandat hatte er einige Tage vor Bekanntwerden der Ermittlungen niedergelegt – angeblich aus Gesundheitsgründen. Auch den Vorsitz des NSU-Untersuchungsausschusses, den er von Beginn an geleitet hatte, legte er nieder.
Doch nicht nur Edathy und die Konsequenzen seines Verhaltens – auch Stefan Reckleben und die Harke wurden Gegenstand von Medienberichten. Das Interesse an der kleinen Redaktion mit dem großen Scoop war riesig. Von ARD und ZDF über Sat.1 bis Bild standen die Reporter vor dem Verlagshaus am Rand des Gewerbegebiets Schlange, um mit Reckleben zu sprechen.
Während ein Team seine Kameraausrüstung, Licht und Ton abbaute, und das nächste schon wieder aufbaute, telefonierte Reckleben mit  Journalisten, die nicht persönlich vor Ort sein konnten. Bald müsse damit aber Schluss sein, erklärte Reckleben einem Reporter am Telefon. Seine
Chefin erwarte für die nächste Ausgabe schließlich auch noch einen Text von ihm. Ausnahmezustand in Nienburg.
Die Fragen, die auf Reckleben einprasselten, waren nicht nur angenehm. Ein Foto des Redakteurs befeuerte die Diskussion über die ohnehin schon bahnbrechende Enthüllung noch einmal. Darauf zu sehen: die Ermittler bei der Durchsuchung von Edathys persönlichen Sachen, aufgenommen durch ein Fenster der Wohnung, veröffentlicht auf der Website der Harke.
Der Deutsche Presserat sah in dem Foto, das direkt in die Wohnung zielte, einen „schweren Verstoß gegen den Schutz der Persönlichkeit“ – und rügte die Redaktion.
Reckleben selbst fand das Bild unproblematisch. Edathy sei schließlich „kein kleiner Bürgermeister“. Gegenüber dem NDR-Magazin Zapp sagte er damals: „Es mag eine Verletzung der Persönlichkeitssphäre vorliegen, aber
meiner Ansicht nach ist das presserechtlich gedeckt durch den besonderen Umstand, um was es hier geht und dass Herr Edathy eine Person der Zeitgeschichte ist.“
Die Rüge, die die Harke für das Foto kassierte, ist die härteste Sanktionsmaßnahme, die der Deutsche Presserat verhängen kann. „Das ist schon ein Stigma für eine Redaktion“, sagt Kajo Döhring, der Geschäftsführer des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV). Er sitzt für den DJV im Trägerverein des Deutschen Presserats.
Normalerweise veröffentlicht die betroffene Redaktion die Rüge des Presserats. Und die meisten Redaktionen, sagt Kajo Döhring, sähen im Fall einer Rüge auch tatsächlich ein, dass bei ihrer Berichterstattung etwas
schiefgelaufen ist.
Bei der Harke war das anders. Zuerst druckte die Redaktion die Rüge des Presserats nicht in ihrer Zeitung ab, und dann kündigte der Verlag auch jahrzehntealte Unterzeichnung des Pressekodex auf. „Eine absolut entlarvende Reaktion“, findet Döhring. „Die Harke fühlt sich offensichtlich ertappt und reagiert wie ein trotziges Kind.“ Döhring kann sich nicht erinnern, dass andere Reaktionen in den vergangenen Jahren so auf eine Rüge reagiert haben. Der Presserat versucht deshalb, mit dem Verlag ins Gespräch zu kommen. Bislang ohne Erfolg. Das Foto ist inzwischen nicht mehr auf der Website der Harke zu finden.
Nicht zu sprechen
Gut ein Jahr ist die Enthüllung der Affäre jetzt her, und um die Harke ist es ruhig geworden. Wie es weiterging in der Redaktion, ob – und wenn ja, welche – Konsequenzen aus der Berichterstattung über die Affäre Edathy gezogen wurden – all das weiß man nicht.
Mit dem journalist darüber sprechen will aus der Redaktion niemand. Am Telefon erklärt Stefan Reckleben, dass er nicht zu einem Gespräch bereit sei. Er habe keine Lust, sich auf eine Bühne zu setzen. Er habe damals einfach nur seinen Job gemacht und Edathy sei dazwischen gekommen, wie so viele andere Geschichten auch. Ende des Gesprächs.
Reckleben und Edathy müssen sich schon vor der Affäre einigermaßen gut gekannt haben, was nicht verwunderlich ist bei einem Lokalredakteur, der über Politik schreibt, und einem Bundestagsabgeordneten, der aus der Region des Lokalredakteurs stammt. Immerhin haben die beiden sich aber wohl so gut gekannt, dass sie per Du waren.
In einem Gästebuch-Eintrag auf Edathys Website kommentiert ein Stefan Reckleben am 27. März 2001: Immer dasselbe Grinsen. Nun ja, Trommeln gehört zum Markte tragen wie die Stufen zur Leiter. Allerdings hätte ich erwartet, tet, dass Dein Internetauftritt mindestens unter den ersten
zehn landet. Dann wäre das Kabinettstückchen mit der Regierungsetage
gelungen. Ich mache jetzt Feierabend. Lass es Dir gut gehen. Re

In Nienburg liest man die Harke – „schon immer“
Natürlich könnte es sich bei dem Kommentator auch um irgendeinen anderen Stefan Reckleben und um eine einfache Namensdopplung handeln. Allerdings nutzt der Redakteur Stefan Reckleben auf der Website der Harke dasselbe Kürzel wie am Ende des Beitrags auf der Edathy-
Seite: „re“.
Dass Stefan Reckleben heute nicht in die Öffentlichkeit drängt, kann man durchaus nachvollziehen. Vielleicht war Reckleben mit der Situation und dem Trubel um seine Person und seine Arbeit schlicht überfordert. Vielleicht sagt er jetzt lieber nichts mehr, bevor er sich erneut angreifbar macht. Schließlich gehört es für die allermeisten Journalisten nicht zum Alltag, Skandale solchen Ausmaßes zu enthüllen.
Auch Recklebens Chefredakteurin, Martina Thielking- Rumpeltin, will nicht mit dem journalist reden. Auf eine Gesprächsanfrage schreibt sie, dass ihr Anfragen mehrerer Medien vorlägen, über die man demnächst entscheiden
wolle. Dann passiert nichts. Eine telefonische Nachfrage wehrt sie ab. Wenige Tage später schreibt sie, dass das Thema aus Sicht der Redaktion nicht die Harke, sondern „Edathy und alle damit im Zusammenhang stehenden Entwicklungen und Fragen politischer Natur“ seien.
Es bleibt eine Redaktion, die sich der Kommunikation verweigert. Auch das ist ein kurioser Aspekt in dieser an Kuriositäten reichen Geschichte. Aus der Tatsache, dass die Redaktion direkt zu Beginn der Affäre quasi mit jedem Journalisten gesprochen hat und heute mit keinem mehr redet, kann man eigentlich nur zwei Dinge schließen: Entweder hat die Redaktion die Lawine, die sie mit ihrer Berichterstattung in der deutschen Medien- und Politiklandschaft losgetreten hat, komplett unterschätzt und will nun um jeden Preis weitere Aufmerksamkeit verhindern. Oder man fühlt sich in der Redaktion immer noch durch die Rüge für das veröffentlichte Foto düpiert und ist schlicht beleidigt.
In der deutschen Zeitungslandschaft ist die Harke ein echtes Relikt: Seit der Gründung 1871 sind Blatt und Verlag in Besitz der Verlegerfamilie Hoffmann/Rumpeltin – mittlerweile in der fünften Generation. Die Verlagsgesellschaft Madsack ist mit zehn Prozent beteiligt. Den Mantel
der Zeitung liefert die Hannoversche Allgemeine.
Neben der Harke, die von montags bis samstags verkauft wird, produziert der Verlag auch das kostenlose Anzeigenblatt Harke am Sonntag und das Magazin Land erleben, das auf dem dutzendfach kopierten Erfolgsrezept
der Landlust aufsetzt. Wie bei den meisten deutschen Zeitungen fehlen der Harke die Leser. In den vergangenen 17 Jahren ist die verkaufte Auflage um knapp 23 Prozent gesunken. Mehr als 90 Prozent der etwa 18.000 verkauften Exemplare sind Abos, am Kiosk verkauft sich die Zeitung
nur noch schlecht.
Wie in vielen anderen Städten gehört sie aber gerade für viele ältere Nienburger zum Inventar. „Schon immer“ lese er die Zeitung, erzählt ein Herr Anfang 70 in einem Straßencafé und nickt zur Bekräftigung heftig mit dem Kopf. Er ist in der Stadt aufgewachsen. An die Geschichte mit Edathy, ja klar, daran erinnert er sich noch. Alle großen Fernsehsender seien damals nach Nienburg gekommen. Er habe ja nicht gedacht, dass die sich mal für seine Stadt interessieren könnten. Das sei schon interessant gewesen, auch wenn es ja um eine nicht so schöne Sache gegangen
sei. Aber dass ausgerechnet seine Zeitung das rausgefunden habe, das sei schon „ein dickes Ding“.

5.000 Euro Geldstrafe
Der Prozess gegen Edathy ging Anfang März zu Ende – nach gerade mal zwei Verhandlungstagen. Das Ergebnis: Einstellung des Verfahrens nach Erfüllung einer Zahlungsauflage in Höhe von 5.000 Euro. Edathy gilt als nicht vorbestraft. Das Geld sollte an den Deutschen Kinderschutzbund,
Landesverband Niedersachsen gehen, doch der wollte es nicht. Jetzt hat es der Jugend- und Kinderfeuerwehrverband Niedersachsen bekommen.
Die Harke will zwar nicht mehr über die Edathy-Affäre und die Folgen für die eigene Redaktion sprechen. Über den Prozess vor dem Landgericht Verden geschrieben hat sie, wie alle anderen Medien, aber trotzdem. Autor
der Texte war Stefan Reckleben.

„Hau ab, wenn es brenzlig wird!“

erschienen in: journalist 3/2015

Nach dem Sturz des ägyptischen Diktators Husni Mubarak hat die  Journalistin Lina Attalah zusammen mit Kollegen die englisch-arabische Nachrichten-Website Mada Masr gegründet. Heute ist sie dort  Chefredakteurin. Trotz immer stärker werdender Pressezensur im Land will sie mit ihrem Team unabhängig berichten. Kann das funktionieren?

Interview von Catalina Schröder

journalist: Frau Attalah, offiziell gibt es in Ägypten keine Pressezensur.  Reporter werden aber immer wieder willkürlich festgenommen und müssen mit Polizeigewalt rechnen. Wie können Sie unter diesen Bedingungen unabhängig berichten?
Lina Attalah: Es stimmt, dass es in Ägypten viele Einschränkungen für Journalisten gibt. Seit dem Sturz von Husni Mubarak ist es sogar noch schwieriger geworden, hier zu arbeiten. Aber wissen Sie, wozu diese Einschränkungen in erster Linie führen? Zur Selbstzensur. Es gibt Journalisten, die so viel Angst vor der Regierung haben, dass sie freiwillig auf heikle Aspekte ihrer Geschichten verzichten. Einige Kollegen scheinen regelrecht unter Gedächtnisschwund zu leiden, wenn es beispielsweise um die Vergangenheit von einzelnen Politikern geht. Das ist ziemlich praktisch für die Regierung. Um diese Leute muss sie sich gar nicht mehr kümmern.
Wie sieht es mit der Selbstzensur in Ihrer Redaktion aus?
Es ist eine Gratwanderung – auch für uns. Bei Mada Masr versuchen wir trotzdem, alles zu schreiben, was uns wichtig erscheint. Wir berichten zum Beispiel über Gerichtsprozesse gegen politische Aktivisten – das trauen sich viele andere Medien nicht. In unseren Konferenzen diskutieren wir aber jeden Tag darüber, wie wir Geschichten bringen können, ohne damit ernsthafte Probleme zu bekommen. Wir versuchen, so weit wie möglich zu gehen – unter den Bedingungen, die wir leider nicht so schnell ändern können. Für Journalisten in einer Demokratie mag sich das komisch anhören, aber für uns geht es bei jedem Text auch um die Frage: Können wir in Zukunft noch berichten, wenn wir diese Geschichte jetzt bringen? Bisher funktioniert das.
Sie selbst hatten bereits Probleme mit der Regierung: Bei einer Demonstration gegen den damaligen Staatschef Mohammed Mursi haben Polizisten Sie geschlagen und an den Haaren über den Tahrir-Platz gezerrt. Wie halten Sie solche Einschüchterungen aus?
Ich glaube, wir schaffen es damit umzugehen, weil wir diese Arbeit für uns und für Ägypten machen. Die Website ist unsere Art, für ein offenes und demokratisches Land zu kämpfen. Ein Land, in dem wir irgendwann wieder ohne Angst leben wollen. Offensichtlich sind solche Vorfälle ein Teil des Preises, den wir dafür zahlen müssen. Ich kann gut verstehen, wenn Kollegen nicht dazu bereit sind, schließlich geht es hier um die eigene Sicherheit. Aber für mich ist Mada Masr der einzige Grund, in Ägypten zu bleiben – und dann muss ich damit rechnen, dass mir so etwas passiert.
Gibt es redaktionsinterne Sicherheitsregeln?
Ich sage unseren Reportern immer: Hau ab, wenn es brenzlig wird. Das ist keine Garantie, dass nichts passiert, aber die Leute können Situationen meist ganz gut einschätzen. Wir kooperieren auch mit anderen unabhängigen Medien im Land und versuchen, uns gegenseitig per Handy zu warnen, wenn es zum Beispiel bei einer Demonstration gefährlich wird.
Als Chefredakteurin von Mada Masr berichten Sie über die Politik im Land, gehen aber selbst als Privatperson immer wieder auf  Demonstrationen gegen die Regierung. Wo ist für Sie die Grenze zwischen Journalismus und Aktivismus?
Ihre Frage ist schon falsch formuliert, das ist ja kein Gegensatz. Aktivist zu sein ist eine Lebenseinstellung, Journalist ein Beruf. Sie können doch auch Bäcker und Aktivist oder Lehrer und Aktivist sein. Das Problem ist nicht, dass irgendwelche Grenzen überschritten werden, sondern dass die Politik in Ägypten momentan nicht die Offenheit zulässt, die es braucht, um Aktivist zu sein.
Wie kommt es, dass Sie politisch so interessiert sind? Wer und was hat Sie geprägt?
Ich glaube, es liegt daran, dass ich weiß, dass man unter anderen Bedingungen leben kann, als wir es in Ägypten gerade tun. Als ich ein Teenager war, hat meine Mutter als Übersetzerin fürs staatliche Radio gearbeitet, mein Vater war bei der Polizei. Sie waren also nicht gerade rebellisch. Mit 14 habe ich mich für das United World College in Italien beworben, eine internationale Schule mit Jugendlichen aus der ganzen Welt. Später bin ich auf die amerikanische Universität in Kario gegangen. In dieser Zeit wurden die Proteste gegen das Mubarak-Regime immer stärker, und wir haben viel darüber diskutiert. Meine Zeit im Ausland, die verschiedenen Menschen aus so unterschiedlichen Ländern und die Diskussionen an der Uni – all das hat mich sehr beeinflusst.
Sie praktizieren ein Geschäfts- und Führungsmodell, das für Ägypten unüblich ist: Mada Masr gehört allen 24 Gründern. Entscheiden Sie auch alles gemeinsam?
Nein, dass das nicht funktioniert, haben wir relativ schnell gemerkt. Wir sind heute insgesamt 28 Leute und 24 davon haben Mada Masr mitgegründet. Gemeinsam entscheiden wir nur noch, wenn es um die langfristige  strategische Ausrichtung geht. Alltagsentscheidungen dürfen die Ressortleiter oder unsere Kollegen aus dem Vertrieb alleine oder in Absprache mit mir treffen.
Wie finanzieren Sie Ihr Nachrichtenportal?
Wir haben Mada Masr im Juni 2013 gegründet und damals Geld aus dem Ausland bekommen, unter anderem von der deutschen Rosa-Luxemburg-Stiftung und dem dänischen International Media Support. Als  Nebengeschäft bieten wir Übersetzungen an. In erster Linie wollen wir aber das Anzeigengeschäft auf unserer Website ausbauen und langfristig davon leben. Das ist ziemlich schwierig. Anfang vergangenen Jahres waren wir schon einmal so gut wie pleite. Wenn es gar nicht anders geht, versuche ich, erst mal selbst Geld vorzustrecken. Ich habe zum Beispiel die Möbel für unser Büro bezahlt, und einmal habe ich mein Auto verkauft, damit wir schnell an Geld kommen. Momentan reicht es. Aber wir wollen mehr Leute einstellen, um noch mehr Hintergrundgeschichten machen zu können – und das ist natürlich nicht umsonst.
Sie haben rund 350.000 Unique Visits im Monat. Wer sind Ihre Leser?
Die meisten kommen aus Ägypten, aber da wir eine arabische und eine englische Version unserer Website anbieten, haben wir auch Leser in den USA, Großbritannien, Kanada und anderen englischsprachigen Ländern. Es ist schwer, das ganz genau herauszufinden. Wir gehen davon aus,  dass unsere Leser zur gut ausgebildeten Bevölkerung gehören: Sie glauben nicht einfach alles, was man ihnen erzählt.
Angenommen, wir wären schon im Jahr 2020 – wie wäre Mada Masr dann aufgestellt?
Ich würde sagen: In fünf Jahren sind wir das Standardmedium für einen Großteil der ägyptischen Bevölkerung. Wir dürfen uns nichts vormachen: Auch wenn wir heute schon eine Menge Leute erreichen, sind wir noch ein sehr kleines Pflänzchen. Und wir wollen uns natürlich selbst finanzieren,
ohne von Spenden abhängig zu sein.
Und wo steht Ägypten in fünf Jahren?
Ich habe keine Ahnung. Und es ist schwer, eine Prognose abzugeben. Momentan ist die Situation so dynamisch, dass alles Mögliche passieren kann. Ob das am Ende dazu führt, dass die Leute wieder freier leben und wir Journalisten ohne Angst vor Repressalien arbeiten können, ist schwer zu sagen. Das Einzige, was für mich momentan sicher scheint, ist, dass es in naher Zukunft keine stabile politische Situation in Ägypten geben wird.

Wer ist Lina Attalah?
Lina Attalah, 32, hat Journalismus und Politikwissenschaft an der American University in Kairo studiert. Während des Studiums berichtete sie als Praktikantin bei der Cairo Times vor allem über Demonstrationen gegen das Mubarak-Regime. Danach arbeitete sie unter anderem zwei Jahre für die BBC in Darfur und als verantwortliche Redakteurin für Al-Masry Al-
Youm, eine Tageszeitung, die arabische und online auch englische Texte veröffentlicht, bevor sie ebenfalls als verantwortliche Redakteurin zur englischen Zeitung Egypt Independent wechselte. Nachdem Verlag und Redaktion sich überworfen hatten, weil die Redaktion sich nicht an die in anderen Medien vorherrschende Selbstzensur anpassen wollte, wurde die Zeitung eingestellt. Attalah gründete daraufhin mit 23 Mistreitern Mada Masr. Am 30. Juni 2013 ging die Website online.